Pressestimmen: Passiver oder aktiver Schutz - Welcher Schutz ist ausreichend?

Der bestmögliche Schutz des eingesetzten Materials und der Soldaten hat in der Ausrüstungsplanung höchste Priorität. Jedoch hat Schutz auch seinen Preis. In folge haushalterischer Zwänge ergeben sich neue Herausforderungen für die Beschaffung von Schutzsystemen besonders bei Rad- und Kettenfahrzeugen. Die Wahl eines geeigneten Schutzsystems hängt hierbei von der Art der Bedrohung ab. Schon bald nach dem Beginn des Afghanistan-Einsatzes hatte sich die Zahl der Angriffe der radikalislamischen Taliban besonders mit panzerbrechenden Waffen (IEDs, RPGs, projektilbildende Ladungen) gegen die ISAF-Schutztruppe nahezu verdreifacht. Diese sphärische Bedrohung führte rasch zu Überlegungen, gepanzerte Fahrzeuge durch Nutzung von aktiven und reaktiven Schutzmechanismen besser zu schützen. Jedoch stehen den immer leistungsfähigeren direkten und indirekten Schutzmechanismen bei gepanzerten Fahrzeugen verstärkte Bemühungen gegenüber, mittels verbesserter panzerbrechender Munition diese Panzerungen und Schutzmechanismen effektiver zu bekämpfen.

Passive Systeme geraten an die Grenzen der Leistungsfähigkeit

Effektiver passiver Schutz ist immer eine Gewichtsfrage und somit abhängig von Faktoren wie die Motorisierung des Fahrzeuges und weiteren Erfordernissen an die Mobilität. Dass passive Schutzsysteme wie der von IBD Deisenroth entwickelte und bei Rheinmetall Chempro produzierte Minenschutz AMAP-M effektiv schützen können, zeigte ein Anschlag am 3. Juni 2005 in Afghanistan. Hierbei geriet ein Allschutz-Transportfahrzeug der Bundeswehr in der Nähe von Kabul auf eine Panzermine. Die Detonation der 6 kg-Sprengladung führte dazu, dass das rechte Vorderrad des Fahrzeuges weggerissen und der Fahrzeugrahmen stark beschädigt wurde. Dennoch überstand die Fahrzeugbesatzung den Zwischenfall nahezu unbeschadet. Der unter dem Fahrzeug angebrachte Minenschutz AMAP-M hatte die Sicherheitszelle hoch effektiv geschützt.

Doch zeigen die Ereignisse in Afghanistan, dass der Schutz von Fahrzeugen vor Minenbedrohungen, projektilbildenden Ladungen und panzerbrechenden Geschossen heute nicht mehr ausreicht. Die Industrie versucht dem mit neuartigen, leichten Panzerungskeramiken entgegenzuwirken. Hierbei erlangen Siliziumkarbide (SiC) und Borcarbid (B4C) in leichten Verbundpanzerungs-Systemen immer größere Bedeutung. Auf diesem Gebiet sind viele Hersteller im In- und Ausland tätig.

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Bei Panzerungsmaterialien ist allgemein ein Übergang zum „Material Tailoring“ erkennbar, also dem gezielten Maßschneidern spezifischer Eigenschaften sowohl im mikroskopischen als auch im makroskopischen Maßstab. Dabei finden neuartige Materialien Verwendung wie etwa nanokristalline Werkstoffe. Ein Beispiel hierfür ist das Schutzsystem AMAP mit seinen vielfältigen Ausbaustufen, das zum Teil auf keramischen Nanoteilchen beruht und dadurch eine leichte und gleichzeitig widerstandsfähige Panzerung ermöglicht. Partikel- oder faserverstärkte Keramiken versprechen eine Reduzierung von Kollateralschäden innerhalb der Panzerung. Sie schützen gegen direkten Beschuss mit Kleinkaliberwaffen, gegen Mörser- und Artilleriesplitter sowie gegen Landminen.

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Nachrüstbare Schutzkomponenten gewinnen an Bedeutung

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Rheinmetall Defence hat als nachrüstbares Schutzsystem das 360 Grad-Nebelschutzsystem ROSY (Rapid Obscuring System) entwickelt. ROSY nutzt 40 mm Nebelgranaten, um eine Nebelwand etwa 30 bis 32 m vom angegriffenen Fahrzeug zu entfalten. Dadurch soll das Fahrzeug gegen Beschuss getarnt werden. Es bietet Schutz gegen TV-, EO-, IR-, IIR-, Laser- und SACLOS-gelenkte Panzerabwehrwaffen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Nebelschutzsystemen erzeugt es neben der spontanen, großflächigen und multispektralen Sichtlinienunterbrechung innerhalb von 0,6 Sekunden auch dynamische Nebelwände, wodurch auch fahrende Objekte gegen Mehrfach angriffe lang anhaltend geschützt werden können. Die Bundeswehr will bis zu 500 geschützte Fahrzeuge mit diesem System ausstatten.

Aktive Schutzsysteme sind eine Antwort auf moderne Bedrohungen

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AMAP-ADS, produziert von der ADS Gesellschaft für aktive Schutzsysteme mbH, verwendet als Hardkill-System zum Abfangen gegnerischer Projektile keine Explosivgeschosse, sondern gerichtete Energie. Die als Gemeinschaftsunternehmen von IBD Deisenroth und Rheinmetall Defence gegründete ADS betont, dass AMAP-ADS nur etwa 600 Mikrosekunden benötigt, um eine anfliegende Bedrohung zu erkennen und abzuwehren. Jedem einzelnen der an einem Fahrzeug angebrachten opto-elektronischen Sensoren ist eine eigene Abfangvorrichtung zugeordnet, wodurch sich die Sensorbereiche überlappen, um einen bestimmten Bereich des Fahrzeuges zu schützen. Wird die gleiche Stelle erneut beschossen, so kann der benachbarte Sensor den Schutz dieser Einheit übernehmen und das zweite Projektil mittels Gegenmaßnahme abfangen. Diese erfolgt dann in einem Abstand von nur etwa 2 m vor dem angegriffenen Fahrzeug, wobei ein Energiestrahl auf den verwundbarsten Teil der anfliegenden Bedrohung gerichtet ist.

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Quelle: Stefan Nitschke; Wehrtechnik, Ausgabe III/2013

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