Zwei Jahrhunderte industrielle Waffenfertigung

Im Jahre 1812 baute Franz Mauser das erste Gewehr in der Neckarstadt Oberndorf

Herzog Ludwig von Tieck hätte es wahrscheinlich kaum für möglich gehalten, dass in dem Augustinerkloster, das 1264 in Oberndorf, der von ihm 1250 gegründeten Stadt, errichtet worden war, einmal Waffen hergestellt werden würden. Aber das Kloster war seit dem Jahre 1806 kein Kloster mehr – der von Napoleon Bonaparte zum König aufgewertete Friedrich I. (1797-1816) verfügte im Januar des Jahres dessen Aufhebung und ordnete fünf Jahre später, 1811, per Drekret an, die seit kurzer Zeit bestehenden Gewehr- und Gewehrteilefabriken in Ludwigsburg und Christophtal in einer neuen „Königlichen Gewehrfabrik“ in Oberndorf zusammenzulegen. Denn hier war alles vorhanden, was für den Betrieb nötig war: Das Klostergebäude samt Kirche bot ausreichend Arbeitsfläche und Lagerraum, der Neckar lieferte die Energie und der Schwarzwald den Rohstoff Holz, der für das Befeuern der Schmiedeöfen notwendig war. Noch im selben Jahr zogen Mitglieder einer so genannten „Ouvrier-Companie“, also Militär-Handwerker, in das ehemalige Klostergebäude ein, unter ihnen der Schuhmacher Franz Andreas Mauser aus Sontheim bei Heilbronn, und begannen 1812 mit der Massenproduktion von Gewehren, Säbeln und Bajonetten.

Nach dem Sturz Napoleons 1815 erlebte die Königliche Gewehrfabrik einen Auftragseinbruch. Die Ouvrier-Kompanie wurde 1818 aufgelöst, aber Franz Andreas Mauser blieb, nun als einfacher Arbeiter, in Oberndorf. Und mit ihm seine danach geborenen 13 Kinder, darunter die beiden Söhne Wilhelm (1834-1882) und Paul (1838-1914), die in der Fabrik im ehemaligen Klostergebäude das Waffenhandwerk erlernten. Schon seit den 1850er Jahren entwickelten sie neuartige Gewehrmodelle auf der Basis moderner Waffentechnik, u.a. eine Hinterladerkanone, die aber nicht den erhofften Anklang beim König von Württemberg fanden.

Paul und Wilhelm Mauser

Paul und Wilhelm Mauser

Den Durchbruch erzielten sie schließlich, als die preußische Armee im deutsch-französischen Krieg 1870/71 bittere Erfahrungen mit dem französischen Chassepotgewehr sammeln musste. Am 16. August 1871 entschied sich das junge Deutsche Reich für die Einführung des Mauser-Gewehres „M 71“, das jedoch in der reichseigenen Gewehrfabrik in Spandau gefertigt wurde. Die Aussicht auf Großaufträge brachte die Brüder Mauser 1872 dazu, ihre eigene Firma, die „Gebrüder W. & P.“ Mauser, zu gründen und die Koppsche Sägemühle zu pachten. Am 23. Dezember 1872 wurde ihre Firma ins Handelsregister eingetragen – die Waffenfabrik Mauser war damit vor nunmehr 140 Jahren aus der Taufe gehoben.

Bereits 1872 erbauten die Brüder Mauser das so genannte „Obere Werk“, und zwei Jahre später erwarben sie vom Württembergischen Staat die Königliche Gewehrfabrik, bestehend aus dem Kern des früheren Augustinerklosters („Mittleres Werk“) und eines nördlich davon gelegenen kleineren Werkes am heutigen Standort, das ca. 1849 erbaut worden war („Unteres“ oder „Äußeres Werk“). Diese Investitionen verschlangen allerdings so viel Geld, dass die Brüder den Einstieg der Württembergischen Vereinsbank als Mitgesellschafter akzeptieren mussten. 1874 wurde die Gesellschaft umgewandelt in die „Gebrüder Mauser & Cie“ – und bekam einen Großauftrag über 99 700 Gewehre vom Königreich Württemberg. Aufträge blieben danach allerdings erst einmal aus; erst 1881 bestellte Serbien 120.000 Gewehre in Oberndorf – das emsige und unermüdliche Putzen von Klinken hatte sich für den Weltreisenden Wilhelm Mauser endlich bezahlt gemacht. All dies kostete seinen Preis: Kaum aus Belgrad zurückgekehrt, starb Wilhelm Mauser am 13. Januar 1882 im Alter von nur 48 Jahren.

Für Paul Mauser kamen weitere Rückschläge. Zwar hatte das Deutsche Reich nun das neue Infanteriegewehr „M 71.84“, eine verbesserte Version des „M 71“, eingeführt, aber die Schulden waren so hoch, dass Mauser einwilligen musste, sein Unternehmen 1884 in eine Aktiengesellschaft, die „Waffenfabrik Mauser AG“ umwandeln zu lassen – mit der Bank als Mehrheitsgesellschafter. 1887 verkaufte die Württembergische Vereinsbank ihre Aktienanteile an Ludwig Loewe & Co., und Paul Mauser musste mitziehen. Seitdem war er nur noch ein leitender Angestellter des Unternehmens, das seinen Namen trug. Nur neun Jahre später, 1896, wurde die Waffenfabrik von der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) in Berlin, der späteren Industrie-Werke Karlsruhe-Augsburg (IWKA), übernommen und zum 1. Januar 1898 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt – mit Paul Mauser als dem ersten Vorstandsvorsitzenden.

Bedeutende Erfindungen machten die Mauser-Waffen in dieser Zeit weltbekannt. 1887 entstand das Mauser-Gewehr „M 1887“, das speziell für die Türkei entwickelt wurde. Der deutsche Kunde aber entschied sich 1888 gegen Mauser und führte mit dem „M/88“ eine Eigenentwicklung der Spandauer Gewehrfabrik als neue Reichswaffe ein. Wegen konstruktiver Mängel erwies sich diese jedoch als nicht brauchbar, und mit der Einführung des „M/98“ kehrte das Reich zu Mauser zurück. Dabei handelte es sich fraglos um eines der bedeutendsten Gewehre seiner Zeit, da es über ein jederzeit nachladbares Magazin mit fünf Schuss verfügte. Ebenso berühmt wurde die Selbstladepistole „C/96“, die weltweit erste automatische Pistole mit einem Selbstlademagazin. Sie machte bei einem Versuchsschießen 1896 großen Eindruck auf Kaiser Wilhelm II., und 1898 begann in Oberndorf ihre Massenfertigung.

Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges starb Paul Mauser am 29. Mai 1914 im Alter von 76 Jahren. Während des Krieges lieferte Mauser eine Vielzahl an Pistolen und Gewehren und musste dafür auch das Werksgelände am Neckar erheblich erweitern. Der sumpfige Untergrund des Neckartales wurde mittels Holzpfählen befestigt und damit ein Untergrund geschaffen, um die Werksanlagen am heutigen Standort bis 1920 auszubauen. In dieser Zeit entstand auch die erste Mittelkaliberwaffe, ein „Tankgewehr“, das sowohl zur Panzer- als auch zur Tieffliegerabwehr eingesetzt wurde.

Der Versailler Vertrag bereitete der Expansion ein vorläufiges Ende. Mauser durfte in den 1920er Jahren nur zivile Güter fertigen: Messmittel, Schieblehren und Mikrometer verließen nun Oberndorf neben Industrienähmaschinen, Automobilen und Rechenmaschinen. Mit der Wiederaufrüstung Deutschlands begann bei Mauser die Massenfertigung und die Neuentwicklung von Pistolen, Jagd- und Kleinkalibergewehren und – seit 1936 – von Maschinenkanonen, z. B. der Flak 2 cm 38. Damit ist auch das dunkelste Kapitel in der Unternehmensgeschichte berührt, denn diese Produktionsleistung konnte nicht ohne den massenweisen Einsatz von Zwangsarbeitern geschehen.

Am 22. Februar 1945 wurden erstmals schwere Luftangriffe auf das Werk in Oberndorf geflogen, und am 20. April besetzten französische Truppen die Stadt und das Werk. Es folgten die Beschlagnahmung aller greifbaren technischen Unterlagen durch die Amerikaner, Internierung und Verhöre von Mitarbeitern, Waffenfertigung für die französischen Besatzer, dann jedoch seit 1947 Demontage und Zerstörung der Werke durch die Franzosen. Aber mit dem Beginn des Kalten Krieges startete im fast schon verschwundenen Unternehmen im Neckartal 1956 wieder die Waffenfertigung – diesmal für die neugegründete Bundeswehr. Mauser spezialisierte sich zunächst auf Maschinenpistolen und Flak-Lafetten. Außerdem wurden 1963 die Entwicklung und 1966 die Fertigung von Jagdwaffen aufgenommen – angefangen mit dem Gewehr M 66 –, die dem Unternehmen innerhalb weniger Jahre einen ausgezeichneten Ruf in der ganzen Welt einbrachten. 1971 gelang der Einstieg in den Mittelkaliber-Bereich: Mauser entwickelte eine Einrohr-Trommelkanone im Kaliber 27 mm, für die 1976 ein Großauftrag zum Einbau in das Nato-Mehrkampfflugzeug MRCA-Tornado gewonnen werden konnte. Diesem folgten Maschinenkanonen im Kaliber 25 und 30 mm, deren Serienfertigung 1987 begann. Der wachsende Anteil der nunmehrigen Mauser-Werke Oberndorf GmbH in der Wehrtechnik machte das Unternehmen für Rheinmetall interessant. Die Verhandlungen über einen Verkauf scheiterten jedoch, und zum 1. Januar 1979 übernahm die Nürnberger Diehl-Gruppe die Mauser-Werke.

Die veränderte weltpolitische Lage nach dem Mauerfall bescherte Mauser Auftrags- und Umsatzeinbrüche und damit auch „rote Zahlen“. Um das Unternehmen zu retten, mussten zahlreiche Arbeitsplätze abgebaut werden. Der Bereich Wehrtechnik einschließlich der Jagdwaffen wurde von dem zivilen Bereich, der Messtechnik und dem Maschinenbau, getrennt, als Mauser-Werke Oberndorf Waffensysteme GmbH ausgegründet und in zwei Schritten 1995 und 1996 an Rheinmetall verkauft. Das Geschäft mit den Jagdwaffen erwies sich in den Folgejahren als umsatzschwach und wurde 1999 an die Schweizerische Industriegesellschaft verkauft.

Seit den 1990er Jahren machte vor allem das Marine-Leichtgeschütz MLG 27 mit der dazugehörigen 27-mm-FAPDS-Munition von sich reden. Außerdem entschied sich 1997 die Bundeswehr in Kooperation mit Großbritannien, Italien und Spanien für die Einführung des „Eurofighter 2000“, der mit einer leistungsgesteigerten BK 27 mit gurtgliedloser Zuführung von Mauser ausgestattet werden sollte. Die konsequente Aufteilung der Aktivitäten des Defence-Bereiches von Rheinmetall in Produktbereiche und die damit verbundene Konzentration auf den Namen Rheinmetall führte im Jahre 2004 dazu, dass der Name „Mauser“ nach 132 Jahren als Firmenname verschwand. Das Wort „Mauser“ wird aber in der Werksbezeichnung weiterleben.

Die nunmehrige Rheinmetall Waffe Munition GmbH, Werk Mauser Oberndorf, gehört seit der jüngsten Neustrukturierung von Rheinmetall Defence dem Produktbereich Combat Platforms innerhalb der Division Combat Systems an. Jüngste Entwicklungsschwerpunkte des Unternehmens, das aktuell rund 260 Mitarbeiter beschäftigt, sind die Maschinenkanone MK 30-2/ABM mit hochmoderner Air Burst Munition für den Schützenpanzer „Puma“, Weiterentwicklungen der Marine-Leichtgeschütze sowie leistungssteigernde Anpassungen bei den Flugzeugbordkanonen für das schwedische Jagdflugzeug „Gripen“. Mit dem leichten Maschinengewehr RMG.50 wird künftig ein Schritt in Richtung Infanteriewaffen gemacht, um Bedrohungsszenarien gerecht zu werden, die mit den Out-of-Area Einsätzen der Bundeswehr verbunden sind. Die Bewaffnung von Fahrzeugen, Helikoptern und Schiffen, z.B im Pirateneinsatz vor der Küste Somalias, wird mit dem RMG.50 optimiert werden können. Dadurch ist auch heute der Defence-Standort Oberndorf in der Verteidigungstechnik auf der Höhe der Zeit – wie schon zur Zeit König Friedrichs I. und seinen Gewehren für die napoleonische Armee.

Dr. Christian Leitzbach

Bilder Quelle: Waffenmuseum der Stadt Oberndorf

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